Musica getutschts bizarre Parade des Wahnsinns – Szenen einer barocken Irrenanstalt
Ein barockes Musiktheater mit Pietro Antonio Giramos „Hospedale per gl’infermi d’amore“ (1630)
Musikalische Szenen einer barocken neapolitanischen Irrenanstalt: Pietro Antonio Giramos skurriles und hier erstmals vollständig aufgeführtes Werk Hospedale per gl’infermi d’amore – Das Spital der Liebeskranken (Neapel, 1630) – entführt in die Welt der Ausgestoßenen, Rasenden und Verfemten. Verachtet, separiert und zugleich zur Schau gestellt, entfaltet sich eine bizarre Parade des barocken Wahnsinns.
Das 1630 in Neapel erschienene und Anna de’ Medici gewidmete Werk ist ein außergewöhnliches musikalisch-dramatisches Experiment. Im Zentrum steht ein „Hospital der Liebeskranken“, in dem von Liebe Wahnsinnige um Gnade und Heilung bitten. Der erste Teil (Il Pazzo) zeigt einen Liebeswahnsinnigen, der zwischen Halluzinationen, Selbstgesprächen und wechselnden Rollenfiguren schwankt. Im zweiten Teil verwandelt Giramo das Hospital in eine theatrale Nachbildung zeitgenössischer psychiatrischer Einrichtungen mit Aufnahmeverfahren, Diagnosen, Stationen und Therapien, wobei die Figuren zwischen medizinischer Realität und der literarischen Tradition des Liebeswahns oszillieren. Zugleich greift das Werk auf frühneuzeitliche Gesellschaftsspiele zurück, die den Liebeswahnsinn parodierten. Im dritten Teil (La Pazza) erscheint eine wahnsinnige Frau, die in verschiedenen Sprachen spricht, sich verwandelt, die Liebe verflucht und schließlich ekstatisch tanzt. Umrahmt werden die drei Teile von den Chori di pazzi, den Chören der übrigen Insassen, die Giramos Werk zu einer einzigartigen Verbindung von Musik, Theater, Satire und psychologischer Beobachtung machen.
In diesem szenischen Musiktheater vereinen sich die Stimmen der „Verrückten“ zu einer triumphierenden Geste: Viva la Pazzia – Es lebe der Wahnsinn!
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